Installation von Renate Bühn zur Dunkelziffer von sexuellen Gewalttätern
2000 rosafarbene Krawatten hängen wie Schwerter von einem Gerüst
Unter den Krawatten liegen 15 Seiten mit Gerichtsurteilen an dicken Fleischerhaken aufgespießt.
Es sind Urteile aus den letzten 20 Jahren, aufgeteilt in Anklage, Urteil und Begründung.

2000 = 100 = 15 = 3 = 10 = 2

1999
2000 Krawatten, Fassadenfarbe, Fleischerhaken, Gerichtsurteile 1994-2014 / Stahlgerüst 380 x 400 x 400

Installation zur Dunkelziffer von sexuellen Gewalttätern / In Anlehnung an eine Auswertung von 100 Strafverfahren bzg. sexueller Gewaltverbrechen an Kindern durch das Institut für Forensische Psychiatrie Berlin, Frau Dr. Renate Volbert, Juni 1993

2000 rosafarbene Krawatten hängen wie Schwerter von einem Gerüst. Krawatten als traditionelles Merkmal des gut gekleideten Mannes - als Sinnbild der täglichen Bedrohung, der Scheinheiligkeit und des Vertuschens einer sich dahinter verbergenden Gewalt. Rosafarbene Fassadenfarbe klebt an Krawatten. Rosa als Symbol von sowohl enteigneter, wie auch fremddefinierter Kinderzeit. Geraubt die Lebendigkeit, das Vertrauen, die Unbefangenheit, Kindheit. Unter den Krawatten liegen 15 Seiten mit Gerichtsurteilen an dicken Fleischerhaken aufgespießt. Es sind Urteile aus den letzten 20 Jahren, aufgeteilt in Anklage, Urteil und Begründung. Beispiel:

Anklage: Dem Angeklagten wird vorgeworfen, seine Stiefenkelin seit ihrem 6. Lebensjahr missbraucht zu haben. Mit ihrer Hilfe rekonstruiert die Staatsanwaltschaft 40 unverjährte Fälle von sexuellem Missbrauch zwischen 1984 und 1989. Die Hälfte davon erfüllte den Tatbestand der vollendeten Vergewaltigung.
Urteil: Der Angeklagte wird freigesprochen.
Begründung: „Der Angeklagte hat in der Hauptverhandlung sämtliche Vorwürfe bestritten. Er habe nie sexuelle Handlungen an seiner Stiefenkelin vorgenommen. Nach dem Ergebnis der Hauptverhandlung kann die Einlassung des Angeklagten nicht mit der für eine Verurteilung erforderlichen Sicherheit widerlegt werden. Nach Abwägung aller Beweisergebnisse hält es die Kammer für nicht ausschließbar, dass die von der Zeugin geschilderten Missbrauchshandlungen im genannten Zeitraum keinen realen Hintergrund haben. Landgericht München 8. März 2002

„2000 = 100 = 15 = 3 = 10 = 2“, die Installation und der Titel greift als zentrales Thema den Täterschutz und unsere Rechtssprechung bei sexuellem Missbrauch auf. In der Dunkelzifferschätzung von 1:20 sind von 2.000 sexuellen Gewalttätern nur 100 mit einer Anzeige bedroht und nur wenige Täter/Täterinnen müssen mit einer Haftstrafe rechnen. In Anlehnung an eine Auswertung von 100 Strafverfahren bzg. sexueller Gewaltverbrechen an Kindern durch das Institut für Forensische Psychiatrie Berlin 1993 von Dr. Renate Volbert wurden von 100 Anzeigen  von der Staatsanwaltschaft schon 85 Fälle gar nicht erst aufgenommen, nur 15 Fälle in einem Gerichtsverfahren verhandelt, davon wurden 3 Täter freigestellt und 10 Täter erhielten eine Bewährungsstrafe, nur 2 Täter wurden mit einer Haftstrafe ohne Bewährung verurteilt.

Renate Bühns Arbeit verdeutlicht die Unzulänglichkeit der Strafverfolgung bei sexualisierter Gewalt. Welche Antworten hat unsere Gesellschaft auf die nun schon seit Jahrzehnten bekannte Dunkelziffer, wie wird Recht gesprochen und ausgelegt? Wieso bleiben die Strafen auffällig am unteren Ende des gesetzlichen Strafrahmens?

Sexuelle Gewalt ist kein Tabuthema mehr
              – Tabu ist die Identität der Täter/Täterinnen.